Lebensweg eines Flüchtlings

Zwischen Herkunft und Heimat

10.06.2015

Mit 9 Jahren floh Nam über das offene Meer aus Vietnam. Nach seiner Rettung erhielt er Asyl in Stuttgart und wurde dort adoptiert. Zwischen zwei Ländern, Kulturen und Familien, versucht er seinen Weg zu gehen.

Nam sitzt in seinem Restaurant. In der einen Hand vietnamesischer Kaffee, in der anderen eine brennende Zigarette. Wir besuchen den schwäbischen Vietnamesen mit dem sympathischen Lächeln, um mit ihm über seine Geschichte und ein Leben zwischen zwei Kulturen zu sprechen. Für uns packt er alte Erinnerungen aus, erzählt von seiner Flucht, der Adoption in Deutschland, seinen zwei Familien und vom Essen.

26 Jahre ist es her, dass Nam nach Deutschland geflüchtet ist. Geboren wurde er in Vietnam. Seine Kindheit verbindet er mit schönen Erinnerungen: draußen sein, an der frischen Luft spielen und im Mekong-Delta schwimmen. Ein richtiger Naturbursche. Auf die Frage, warum er seine Heimat verlassen hat, weiß er keine genaue Antwort. Die Entscheidung zu fliehen, trafen seine Eltern für ihn. Nach dem Vietnamkrieg wurden Menschen enteignet und die fatalen Bedingungen im Land lösten eine jahrelange Flüchtlingswelle aus.

An irgendeinem Nachmittag im April 1989 war es soweit. Gegen vier oder fünf Uhr abends packte die Familie Wasser und Essen als Proviant für ihn ein. Mit ein paar anderen Kindern wurde Nam zum Boot gebracht. Der Fluchtweg ging nochmals an seinem Elternhaus vorbei. Auch heute, so viele Jahre später, hat er die Bilder noch deutlich vor sich: „Mein Vater stand auf der Brücke. Wir sind einfach darunter durch und raus gefahren. Die bekannte Geborgenheit war von heute auf morgen einfach weg."

Aufbruch ins Niemandsland

Nam floh über Singapur nach Deutschland. Die Flucht auf einem kleinen Boot über das offene Meer war sehr schwierig und gefährlich. Ein Motorschaden ließ die Flüchtlinge hilflos auf dem Meer herumtreiben. Nur durch einen Zufall wurden die sogenannten „boat people" von einem deutschen Frachter gerettet. Dieser nahm die Flüchtlinge auf und brachte sie nach Singapur.

Nam durfte einreisen, galt ab dem Moment jedoch als staatenlos. Uns beschreibt er die Situation als schlimm: „Du bist im Niemandsland, du gehörst nirgendwo hin. Du existierst erst mal gar nicht auf dieser Welt." Fünf Monate lang musste Nam dort in einem Flüchtlingslager ausharren, aber er hatte Glück. Die Entwicklung der Flüchtlingspolitik in Deutschland hin zur „humanitären Flüchtlingshilfe" verschaffte ihm einen Asylplatz. Wo genau sein nächstes Ziel lag, war Nam nicht klar: „Ich hatte keinen Plan wo Deutschland ist und was das überhaupt sein soll!".

In Deutschland angekommen, war die Situation aber zunächst auch nicht einfacher. Die vielen fremden Menschen und die unbekannte Umgebung waren für Nam ein richtiger Kulturschock. „Und das Essen schmeckt beschissen!" Er entschuldigt sich mit einem lauten Lachen. „Mein Gaumen war wo anders. Dann kommst du hier her, da ist irgendwie alles mit Milch, Soße, Sahne und es gibt gar kein Reis." Doch Nam vermisste nicht nur das Essen, sondern vor allem seine Mutter und Familie. Er hatte Heimweh und wollte nur zurück. Doch durch die Flucht galt er in seinem Land als Verräter. Es gab kein Weg zurück.

Eine neue Familie

Drei Monate später wurde er über das Jugendamt an eine Adoptionsfamilie vermittelt. Er selbst durfte entscheiden, ob er bei der Familie bleiben möchte oder nicht. Er wollte und fühlte sich vom ersten Tag an wohl. „Ich hatte einen großen Bruder, das hat mir gefallen." Nam wuchs in einer schwäbischen Großfamilie auf. Insgesamt hat er vier Geschwister, alles Jungs. Aber das Heimweh ging nicht weg. Schlafprobleme quälten ihn. Und der Wunsch, wieder zurück nach Vietnam zu gehen, war ständig präsent.

Erst die enge Freundschaft zu seinem großen Bruder änderte seine Einstellung. Die beiden unternahmen alles zusammen. "Jan hat mein Leben sehr geprägt. Wir sind zwar keine leiblichen Brüder, aber irgendwie doch." Langsam wurden die Gedanken an Vietnam schwächer und er fühlte sich richtig zuhause, nicht als Flüchtling oder Ausländer.

Deutsche Schüler sind unselbstständig

Natürlich musste Nam auch in Deutschland die Schulbank drücken. Insgesamt beschreibt er die Schulzeit als schön, auch wenn die deutschen Schüler in seinen Augen furchtbar unselbstständig waren. „Ständig jammerten sie wegen Kleinigkeiten." Er selbst wusste immer, wo er hin wollte. Die Flucht hat in schnell erwachsen werden lassen. Nach einer Ausbildung zum Zahntechniker erfüllte er sich seinen Wunsch Modedesign zu studieren. Hosen, Jacken, alles was er brauchte hat er schon früh selbst gemacht. Um das Studium zu finanzieren, fing er an in der Gastronomie zu arbeiten und fand Gefallen daran.

Später, erst mit Beginn des Studiums, kamen die Gedanken an Vietnam zurück. Mit dem Alter wuchs der Wunsch, die leibliche Familie und die eigenen Wurzeln kennenzulernen. Nach dem ersten Semester entschied er sich für eine Reise in die Vergangenheit.

Zwischen Herkunft und Heimat

Reise in die Vergangenheit

Heute hat er seine Leidenschaft zur Gastronomie mit seiner Liebe zur vietnamesischen Küche verbunden. In seinem Restaurant freut er sich besonders über einen Besuch seiner schwäbischen Oma. „Sie isst eigentlich nichts, was sie nicht kennt." Aber wenn es von Nam kommt, dann schmeckt es ihr. Nicht nur seine Familie, sondern vor allem Nam hat es geschafft, zwei Kulturen zu vereinen. Heute stellt sich ihm nicht mehr die Frage, auf welche Seite er gehört. Er weiß, wer er ist und was ihn ausmacht.

Music: „Daybreak" by Jens East ft. Henkis

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CC by 4.0

Schon gewusst

1978 wurden erstmals vietnamesische Flüchtlinge in der Bundesrepublik aufgenommen. Bestärkt, durch die hohe mediale Berichterstattung wurde 1980 das „Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge" – kurz „Kategorie humanitäre Flüchtlinge" – verabschiedet. Dieses Gesetz erleichtert es, Menschen in Gruppen-zusammenhängen die aus einem Land mit Krisenherden stammen, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Weiter Informationen sind unter www.bpb.de zu finden.

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Über die Autoren

Alexandra Port

Elektronischer Medien Master Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2015

Jessica Ludwig

Elektronische Medien Master - Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: Sommersemester 15