Gewalt im Namen der Ehre

Zwischen Schwarz und Weiß liegt ROSA

21.07.2015

„Wenn du noch einmal mit einem Mann redest, ohne dass ich es dir erlaube, reiße ich ihn vor deinen Augen in Stücke. Dann schlage ich dir die Zähne aus und werfe dich auf die Gleise“ – das ist die Geschichte der 20-Jährigen Akira. Eine Geschichte über Familie, Flucht und Farben.

Hochzeit ohne Liebe

Die Thematik ist nicht so fern, wie wir annehmen mögen. Tatsächlich ist Zwangsheirat auch hier in Deutschland Realität.

„Ich schütze mich durch mein Lächeln – es ist wie eine Barriere"

Das junge Mädchen, das wir treffen, stellt sich uns als Akira vor. Den Namen gab sie sich selbst aus Liebe zu japanischen Animes und zum Schutz vor ihrer Familie. Sie ist 20 Jahre alt, trägt eine schwarze Mütze und ein Comic-Shirt, passend zu ihren bunten Turnschuhen. Nichts an ihrem aufgeschlossenen Auftreten lässt erahnen, was sie in ihrer Vergangenheit durchlebt hat. Doch es ist tatsächlich geschehen – sie flüchtete mit 16 Jahren vor einer Zwangsheirat.

Akira ist in Deutschland geboren, ebenso wie ihr jüngerer Bruder. Die Flucht der Eltern und ihrer größeren Schwester aus deren Heimat, dem Irak, kennt sie nur fetzenweise. Ihre Verwandten gehören dem Jesidentum an: einer Religion, die auf mündlich übermittelten Traditionen beruht. Ihre Familienangehörigen leben nach den Vorstellungen dieser Religion, Akira wollte das jedoch nie.

„Schon seit ich klein war, habe ich gemerkt, dass irgendwas an unserer Gesellschaft nicht stimmt." Es gehe dort nicht um den Einzelnen, seinen Willen und sein Glück, sondern lediglich um das, was die Gesellschaft stärke.

Mit neun Jahren kam sie das erste Mal mit dem Thema Heirat in Berührung, als sie mit ihrer Familie in den Irak reiste. Dort sollte ihr zukünftiger Mann ausgewählt werden. Die Entscheidung darüber liegt bei den Eltern, die Tochter hat kein Mitspracherecht. Fast alle ihre Verwandten wurden zwangsverheiratet. Mit einem Schulterzucken erklärt sie, dass ihre Eltern ebenfalls zur Ehe gedrängt wurden: „Sie haben auch nur aufgrund der Fortpflanzung geheiratet, sie haben sich nie geliebt." Akiras Eltern selbst sind Cousin und Cousine, lange Zeit sah Akira das als Normalität an. Erst als sie älter wurde, erfuhr sie, dass die Heirat naher Verwandten in Deutschland verboten ist.

Sie nippt an ihrem Wasser und denkt an ihre Kindheit zurück, dabei schüttelt sie den Kopf: „Ich dachte mir oft, wie krank das eigentlich ist, diese Traditionen." Im Gegensatz zu ihren Geschwistern hinterfragte sie die Regeln und Vorschriften. Das machte sie zum schwarzen Schaf der Familie und zur Zielscheibe für deren Wut.

Gehorsam sei das Wichtigste und wer nicht gehorcht, müsse spüren, welche Konsequenzen das habe. Rückhalt fand sie bei niemandem in ihrer Familie, zu stark wurde ihre Mutter von deren Ehemann unter Druck gesetzt. Und auch ihre Geschwister fielen ihr in den Rücken: „Meine Schwester hat einmal zu mir gesagt, dass ich einfach sterben soll! Sie hat mich jeden Tag fertig gemacht. Ehrlich gesagt, haben mich meine Geschwister sogar öfter geschlagen als meine Eltern."

Akiras einziger Zufluchtsort war die Schule. Zwar ging sie auf eine normale deutsche Schule, doch wurde ihr verboten sich mit ihren Mitschülern anzufreunden. Fast jeden Tag fragte sie nach dem Grund. Die Antwort darauf waren Schläge. Doch nicht die körperlichen Schmerzen waren das Schlimmste, sondern der psychische Terror.

Mit elf Jahren erlitt sie einen Zusammenbruch. Psycho-somatische Störung lautete die Diagnose des Therapeuten. „Meine Mutter schämte sich so sehr dafür, dass ihre Tochter zum Psychologen gehen musste, dass ich ein Cappy aufsetzen musste und eine Kapuze, damit mich niemand erkennt."

„Dann kannst du einen schönen Tod sterben!"

Emotionslos schildert sie, dass sie durchaus ein gutes Leben in ihrer Familie hätte haben können, wenn sie sich ihnen „unterworfen hätte und nach ihrer Sichtweise gelebt hätte." Doch das kam für die junge Irakerin nicht in Frage.

Drohungen waren in ihrer Kindheit ihr täglicher Begleiter. Auf die Frage, was passiere, wenn sie sich in einen Jungen verliebe, antwortete ihre Mutter mit den Worten: „Ich werde diejenige sein, die dir die Kugel durch den Kopf schießt!"

Vor ihrem Vater hatte Akira noch größere Angst: „Er ist der schlimmste Mensch der Welt!" (Bild: Akira)

Sie erinnert sich an einen der dunkelsten Tage in ihrem Leben: Als Akira einmal mit einem Mitschüler auf der Straße sprach, ein vollkommen harmloses Gespräch, wie sie beschreibt, drohte der Patriarch ihr mit dem Tod: „Wenn du noch einmal mit einem Mann in deinem Leben redest, ohne, dass ich es dir erlaube, werde ich ihn vor deinen Augen in Stücke reißen und dich werde ich auf die Bahngleise schmeißen. Dann kannst du einen schönen Tod sterben." Diese Worte könne sie nie vergessen: „Ich hatte so Angst in dem Moment. Ich konnte nicht mehr!"

Im Gegensatz zu ihren Geschwistern wollte sie keine Marionette sein. Sie wehrt sich gegen die religiösen Werte, rebelliert. Ihre gläubigen Eltern fürchten die Kontrolle über ihre Tochter zu verlieren:

„Eines Tages sagte meine Mutter zu mir, wir müssen in den Irak reisen. Müssen! Da wusste ich, was passieren würde." Gegen ihren Willen verheiratet werden, das war das Schicksal was sie dort erwarteten würde. Zu dem Zeitpunkt war sie 16 und sollte mit einem 40-jährigen Mann verheiratet werden, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Später erfuhr sie, dass sich eine ihrer Cousinen ebenso wenig den Traditionen beugen wollte, sie flüchtete vor der Zwangsheirat. Diese Flucht brachte ihr den Tod, Akiras Onkel ermordete seine eigene Tochter. Das werde so gefordert im Jesidentum. „Wenn das Kind Schande über die Familie bringt, muss es dafür bezahlen. Mit Blut. Um den Namen wieder reinzuwaschen."

„Ich dachte nicht, dass eine Flucht möglich ist."

Das permanente Lächeln verschwindet von Akiras Lippen. Verzweifelt sei sie gewesen, hilflos: „Ich habe mehrfach versucht mich umzubringen. Ich war innerlich tot. Es hat aber nie geklappt und dann dachte ich mir, es muss irgendeinen Grund haben, warum es nicht klappt. Irgendjemand will nicht, dass ich sterbe." In ihrer Verzweiflung vertraute sie sich einer Lehrerin an – ihre Rettung. Sie half ihr aus dem heimischen „Gefängnis" zu entkommen. Akira wollte endlich frei sein. Der Mut und der Gedanke an ihre Zukunft siegten über die Angst.

Auf ihrer Flucht macht sie ein Cousin ausfindig: „Ich wurde die ganze Zeit überwacht, meine Verwandten waren wie Kameras, die haben mich immer beobachtet." Sie musste erneut flüchten, habe allerdings nie die Hoffnung verloren. Jeder Rückschlag spornte sie weiter an. Zwei Monate dauert es, bis ihr Weglaufen ein Ende hat. Zwei Monate, bis sie zu ROSA kommt und ein Zuhause findet: „Als ich nach Stuttgart kam, war ich total fertig." ROSA nimmt junge Migrantinnen auf, bietet ihnen Sicherheit und unterstützt sie auf dem Weg in eine gewaltfreie, selbstbestimmte Zukunft.

Die erste Zeit wurde Akira von permanenter Angst begleitet, sie konnte kein Vertrauen fassen, traute sich nicht den Mund aufzumachen. „Vor zwei Jahren hätte ich nicht einmal darüber reden können."

„Ich fühle mich braun." Manchmal hat Akira das Gefühl in das schwarze Loch zurück zu fallen. Doch ans Aufgeben habe sie in all den Jahren nicht gedacht. (Bild: Akira)

Sie verarbeitet ihre Vergangenheit oftmals in Bildern, denn dort könne sie sich ausdrücken.

Manchmal fragt sie sich, wie ihr Leben gewesen wäre, wären ihre Eltern Deutsche gewesen. Aber sie hat gelernt ihre Vergangenheit zu akzeptieren, nach vorne zu schauen. Sie möchte andere ermutigen den Schritt in die Freiheit zu wagen. Denn wer den Willen hat, würde einen Weg finden – so wie sie selbst, die mit 16 Jahren vor ihrer Familie geflohen ist. Davon ist die heute 20-Jährige überzeugt. Es ist noch ein weiter Weg, der vor Akira liegt , doch der Gedanke an die Zukunft motiviert sie. Kunst möchte sie studieren. Sich irgendwann verlieben. „ROSA wird immer ein Teil von mir sein." Sie lächelt und dieses Mal ist es keine Maske.

Das Wohnprojekt ROSA ist ein Zufluchtsort für junge Migrantinnen, denen Gewalt im Namen der Ehre widerfahren ist. (Infografik: Valerie Beck, Tanja Weber)

Für Mädchen, die eine ähnliche Vergangenheit wie Akira haben, ist es meist schwer einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden. Der diakonische Verband Eva bietet mit dem Wohnprojekt ROSA und der Beratungsstelle Yasemine solch eine Anlaufstelle für junge Migrantinnen in Konfliktsituationen. Vor allem bei ROSA werden die jungen Mädchen über Jahre hinweg betreut, mit dem Ziel, ihnen eine Perspektive für eine Zukunft in Freiheit zu bieten.

ROSA hilft

Zeichnungen der ROSA-Mädchen zu ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Quelle: ROSA

Zwangsheirat

Strafgesetzbuch §237 (1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch die Drohung mit einem empfindlichen Übel zur Eingehung einer Ehe nötigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

In Deutschland ist eine Heirat ab 16 Jahren möglich, wenn das Familiengericht dem zustimmt. Eine Heirat zwischen Verwandten in gerader Linie ist verboten.

UNICEF geht davon aus das weltweit 21% der Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren bereits verheiratet sind.

Jesidentum

Es handelt sich um einen „Eingottglauben", der auf mündlichen Überlieferungen beruht. In dieser Religion finden sich ebenfalls islamische und christliche Anschauungen. Als Jeside wird man geboren, man kann nicht konvertieren. Die vier Pfeiler der Hochzeit sind: irakische Abstammung, Kurde, gleiche Religion und gleiche Kaste. Weltweit gibt es eine Million Jesiden, davon leben ca. 120.000 in Deutschland.

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Über die Autoren

Tanja Weber

Crossmedia-Redaktion/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015

Valerie Beck

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