Wandel am Marienplatz in Stuttgart

Zwischen Spielautomaten und Bio-Limonade

25.01.2016

Auf dem Stuttgarter Marienplatz hat sich vieles getan. Der Platz galt früher als Drogensumpf und hatte auch nach der Umgestaltung 2003 Schwierigkeiten sich zu etablieren. Heute ist er gut besucht und als hipper Ort bekannt. Besonders die Cafés rund um den Marienplatz erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Doch nicht alle Geschäfte konnten von den Entwicklungen profitieren.

Die Sonne scheint und es ist mild auf dem Marienplatz in Stuttgart. Wenige Meter von der U-Bahn-Haltestelle entfernt stehen die ersten Holzhütten des kleinen Weihnachtsmarktes und laden Familien mit ihren Kindern zu Punsch und Waffeln ein. So ganz will die weihnachtliche Stimmung jedoch nicht zu den außergewöhnlich warmen Temperaturen in diesem Jahr passen.

Vor dem Café Condesa sitzt Olaf, 25 Jahre alt und nimmt einen Schluck von seinem Kaffee Cortado. Olaf sagt, er komme häufig hier her, denn er kenne die Barista, eine Freundin seines Bruders.

Olaf tankt Sonne vor dem Café Condesa. Foto: Julia Hauser/ Jana Winterer

Außerdem sitze er bei Sonnenschein gerne mit einem Kaffee draußen: „Der schmeckt hier einfach besser, als in der Innenstadt bei Starbucks." Ob er den Marienplatz, wie er früher war, noch kennt? „Eigentlich nicht", sagt Olaf. „Mein Bruder war zwar hier um die Ecke auf der Schule, ich selbst bin aber nur ab und zu hier gewesen."

„Hier kommen ganz unterschiedliche Leute rein"

Im Café finden sich Stereotype der hippen Szene wieder. In der Ecke sitzt ein Mann über seinen MacBook gebeugt, gegenüber trinken zwei Frauen ihre hausgemachte Limonade und an der Theke bestellt jemand einen Kaffee mit Sojamilch. „Hier kommen ganz unterschiedliche Leute rein. Manche arbeiten am Laptop und bleiben für eine längere Zeit, andere schauen morgens vor der Arbeit kurz vorbei und nehmen sich einen Coffee to go mit", sagt Barista Phatcharee Porwich.

Phatcharee Porwich steht hinter der Theke des Condesas. Foto: Julia Hauser/ Jana Winterer

Auch ein älteres Ehepaar gehört zu den Gästen im Condesa. „Nachdem sie vor ein paar Monaten zum ersten Mal hier waren, kommen sie inzwischen regelmäßig zwei- bis dreimal die Woche vorbei", erzählt Porwich.

Das Condesa war zunächst nur für einen kurzen Zeitraum geplant

2014 zog das Condesa, zunächst als Übergangslösung, in den Kaiserbau. Der Kaiserbau ist das größte Gebäude am Marienplatz und wurde im Jahr 1911 erbaut. Es beherbergt unter anderem Gewerbe- und Büroeinheiten, die vermietet werden. 2012 wurde es von der, in Berlin und Stuttgart ansässigen, Copro-Gruppe gekauft. Nach der Übernahme wurde für den Kaiserbau von den Gesellschaftern ein neues Konzept erstellt: In ein ehemaliges Kiosk zog beispielsweise die Pizzeria L.A. Signorina und die einstigen Räumlichkeiten der Kneipe Anna’s Treff wurden an das Condesa vermietet.

Inzwischen hat sich das kleine Café, in dem kein Stuhl dem anderen gleicht und frische Blumen in Weck-Gläsern die Tische schmücken, zu einem Geheimtipp am Marienplatz entwickelt. Laut Porwich verstehe man sich mit den benachbarten Läden prächtig: So ist es möglich aus dem L.A. Signorina eine Pizza mit in das Condesa zu nehmen und sich dort an die Tische zu setzen. Zusammen mit dem Café Kaiserbau und der dazu gehörigen Gelateria bieten die vier Gastronomiebetriebe eine Auswahl an Konzepten, die dem heutigen „hippen Lifestyle" entsprechen: Frisch gerösteter Kaffee, hausgemachte Kuchen und Quiches, selbstgemachte Limonade und ungewöhnliche Eiskreationen wie Club Mate Eis oder Eiscreme aus Ziegenmilch.

Der Marienplatz als Treffpunkt für Junkies

Doch das war nicht immer so: Früher war der Platz bekannt für Ein-Euro-Shops, kleine Kioske und Kneipen sowie Grünanlagen. Da in Stuttgart Mitte verstärkt Razzien durchgeführt wurden und Polizeistreifen präsent waren, verlagerte sich die Drogenszene zum Teil auf den Marienplatz. Hinzu kamen Obdachlose, die den Ort schon damals als ihr Wohnzimmer betrachteten. Dadurch entstand der Wunsch der Anwohner und Stadtplaner, das Areal umzugestalten. Im Juli 2003 wurde der heutige Marienplatz eingeweiht und um Steinflächen, Wasserspiele und einen Sportplatz erweitert. Zunächst schimpften viele Anwohner über die „Beton-Wüste" und es dauerte, bis der Platz von den Stuttgartern akzeptiert wurde.

Für Anna’s Treff war am Marienplatz Schluss

Eine, die diesen alten Marienplatz vor seiner Umgestaltung noch miterlebt hat, war Anna Soussouridou. Die Kneipe Anna‘s Treff entwickelte sich in den frühen 2000er Jahren zu einer festen Institution am Marienplatz. Gäste kamen auf einen Kaffee oder ein Bier vorbei und unterhielten sich gerne mit der Wirtin genau da, wo heute, ein paar Jahre später, das hippe Café Condesa seinen Platz gefunden hat. Zwei Jahre vor ihrer Rente war am Marienplatz plötzlich Schluss. Der Mietvertrag der Fläche im Kaiserbau wurde nach der Übernahme der Copro-Gruppe nicht verlängert. Für Anna Soussouridou bedeutete diese Entscheidung große und anstrengende Veränderungen. Von einer zentral gelegenen Kneipe musste Anna‘s Treff in die Kolbstraße umziehen.

Neuer Standort von Anna’s Treff. Foto: Julia Hauser/ Jana Winterer

Hier scheint die Sonne nur selten auf die Tischgarnituren, die vor der Kneipe auf dem Bürgersteig stehen. Zu hoch sind die Häuser, als dass das Sonnenlicht sie jenseits der Mittagszeit erreichen könnte. Früher, als Anna‘s Treff noch im Kaiserbau ansässig war, war das anders. Damals erstreckte sich der Marienplatz vor dem Eingang der Kneipe. Heute liegt Anna’s Treff einer Häuserfront mit Tiefgarageneinfahrt gegenüber.

„Wir sind eindeutig die Verlierer der ganzen Umbaumaßnahmen"

Frau Soussouridou wird emotional, wenn sie auf den Marienplatz angesprochen wird. Ihr Sohn hingegen findet es wichtig, über die alten Zeiten zu berichten. „Wir haben da einfach nicht mehr reingepasst", erzählt er. „Es ist nicht mal so, dass wir nicht kompromissbereit gewesen wären. Wir haben uns neue Konzepte überlegt, wären sogar mit Mieterhöhungen zufrieden gewesen. Aber die haben uns dort gar nicht mehr gewollt, egal was wir getan hätten." Das Problem sei vor allem die fehlende Laufkundschaft. „Hier kommt keiner zufällig vorbei und setzt sich mal rein. Die Leute sind alle am Marienplatz. Wir sind eindeutig die Verlierer der ganzen Umbaumaßnahmen. Wenn ihr in einem halben Jahr hier vorbei kommt, dann kann es sein, dass es uns vielleicht gar nicht mehr gibt", erklärt er traurig. Irgendwann ginge es einfach nicht mehr.

Drinnen im Laden ist es ruhig. Wenige Gäste, nur eine Gruppe junger Menschen sitzt an einem Tisch, raucht und trinkt Kaffee. Daneben befinden sich drei Spielautomaten an der Wand gleich gegenüber dem Tresen, hinter dem Anna Soussouridou steht. Inzwischen möchte sie mit dem Kaiserbau nichts zu tun haben: „Ich laufe nicht einmal mehr über den Marienplatz. Das hat mich Jahre meines Lebens gekostet."

Zwei Welten am Marienplatz

Ein paar Meter weiter sitzen junge Mütter mit Kinderwägen und ihrem Minztee für 3,50 Euro vor den Cafés am Marienplatz in der Sonne. Für sie hat die Umgestaltung einen neuen Ort zum Verweilen hervorgebracht. Mit der Zeit kommen Veränderungen. Doch inwiefern diese Vor- oder Nachteile hervorbringen – das liegt im Auge des Betrachters.

Ansichten vom Marienplatz

Die blaue Verbindung von A nach B zeigt den Umzug von Anna’s Treff am Marienplatz in die Kolbstraße. Quelle: Google Maps und Thinglink, bearbeitet von Julia Hauser/ Jana Winterer

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Über die Autoren

Jana Winterer

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016

Julia Hauser

Unternehmenskommunikation (Master)
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016