Jagen

Zwischen Tierliebe und Abschusslisten

23.01.2017

Ein Jäger ist kein Tierfreund? Diese Aussage muss nicht zutreffen. Wir haben uns auf die Jagd gemacht und einen Jäger begleitet. Warum Jagen mehr als nur „Schießen“ ist.

Jäger Roland Fälschle genießt die frühen Morgenstunden in der Natur.|Bild: Sina Götz

„Was für ein Wind geht heute, ich habe gar nicht geschaut", murmelt Roland Fälschle vor sich hin, während er seinen Jagdhund Corkey aus dem Auto lässt. Es ist sechs Uhr dreißig an einem Sonntagmorgen. Der Boden ist gefroren und noch liegt der Raureif der letzten Nacht über den Feldern. Im Wald ist es dunkel und es herrscht Stille. „Es ist wichtig, dass wir nicht im Wind sitzen, sonst riechen die Tiere uns", erklärt Fälschle. Der Jäger macht sich in seinem Revier in Todtenweiß, eine kleine Gemeinde in Bayern, auf die morgendliche Jagd.

Nach einem kurzen Marsch steigt er auf einen Ansitz, der am Waldrand liegt. Für Corkey hat er eine Decke bereitgelegt, damit er nicht friert. „Im Winter ist es oft eisig kalt. Letztes Mal habe ich ihm meine gegeben, und ich saß frierend oben", erzählt der 54-Jährige flüsternd und ein Schmunzeln huscht über sein Gesicht. Corkey muss während des Ansitzens, dem Warten, ruhig am Boden liegen. Oft beobachtet der Jäger seinen Begleiter: „Wenn der Hund etwas riecht, sieht man ihm das an." Es kann vorkommen, dass Rehe bis auf wenige Zentimeter herankommen, wenn der Wind in die andere Richtung weht. Auch dann bleibt Corkey liegen. „Der Hund muss mir bedingungslos folgen, ich verlasse mich auf ihn und er sich auf mich", erklärt der Hundehalter. Nach wenigen Minuten führt er Munition ins Gewehr: „Falls ein Fuchs vorbeikommt, muss es schnell gehen." Heute bleibt es aber ruhig. Nur zwei Rehe laufen über die Wiesen. Diese sind zu weit weg. „Ich schieße nur, wenn ich genau weiß, was ich treffe", erklärt Fälschle. Gerade dürfen nur weibliche Rehe und Kitze beider Geschlechter geschossen werden. Es ist Schonzeit. Der Zeitraum, in dem die Jagd auf bestimmtes Wild durch das Jagdrecht gesetzlich verboten ist.

Ein Tag auf der Jagd

„Ein Jagdschein macht noch lange keinen Jäger."

Fälschle ist vor 30 Jahren zum Jagen gekommen. Sein Onkel war Jäger und nahm meist den größeren Bruder mit in den Wald. „Als kleiner Junge stand ich oft am Hoftor und habe ihnen traurig nachgeschaut", erinnert er sich. Als Fälschle zur Bundeswehr kam, beschloss er, den Jagdschein zu machen. Für ihn ist das Jagen mehr als ein Hobby – es ist Berufung. „Manche haben es im Blut, manche nicht", sagt der passionierte Jäger. Auch Torsten Reinwald, Pressesprecher des deutschen Jagdverbands, stellt fest: „Ein Jagdschein macht noch lange keinen Jäger." Viel wichtiger seien die Erfahrung und das Verständnis für die Natur.

Seit der Wiedervereinigung ist die Zahl der Jäger um rund 20 Prozent angewachsen. Im Jagdjahr 2014/15 auf rund 375.000. Als Grund dafür sieht Reinwald unter anderem das Verlangen nach dem Ausbrechen aus dem Alltag: „Wir leben in einer künstlichen Welt aus Pixeln und Beton, das Jagen bietet für viele einen Ausgleich." Auch das Schießen spielt eine wichtige Rolle. „Natürlich gehen wir Jagen, um Beute zu machen, alles andere wäre gelogen", sagt Fälschle. Viele der Jäger zollen den erlegten Tieren mit dem „letzten Bissen", dabei wird dem erschossenen Wild ein Zweig in das Maul gelegt, ihren Respekt. Dann folgt die „rote Arbeit": Das Ausnehmen und Verarbeiten des Fleisches. „Die Trophäe", das Geweih, wird ausgekocht und aufgehoben. Für Fälschle ist dies ein Mittel zum Zweck: „Wir müssen aus jagdrechtlichen Gründen zu Trophäenschauen und jeder zeigt gerne, was er geschossen hat." Anhand der Trophäen kontrollieren die Jagdbehörden, ob die Jäger die Abschusslisten erfüllt haben.

Wie überall gibt es auch beim Jagen schwarze Schafe. Unter Jägern werden diese „Schießer" genannt. Sie sind nur auf Trophäenjagd aus. „In der Jägergemeinschaft werden die Schießer nicht akzeptiert. Sie schaden uns Jägern und entsprechen nicht unserer Denke", betont er.

Jagen als Dienst für das Gemeinwohl

Neben dem Schießen und Hegen gehören viele weitere Aufgaben und Pflichten zum Jagdalltag. Unter anderem müssen die Jäger für einen artenreichen Wildbestand in ihrem Revier sorgen. Dazu müssen sie Schonzeiten und Abschusslisten, die von der Jagdbehörde vorgegeben werden, einhalten und den Lebensraum des Wildes pflegen. „Wir versuchen Biotope einzurichten und Wildacker zu bepflanzen, um den Tieren schmackhaftes Grün bieten zu können", erzählt Fälschle über sein 900 Hektar großes Revier. Der Jäger, der hauptberuflich Angestellter bei der Stadt Augsburg ist, betreut zusammen mit seinen Kollegen eine Heide, in der sich die Tiere zurückziehen können. Dort leben verschiedene Vogelarten, Biber, Rehe, Füchse, Dachse und Wildschweine. Besonders letztere machen den Jägern zurzeit Sorgen. Die Wildschweine vermehren sich rasant; es kommt immer mehr zu Wildschäden, für die die Jäger aufkommen müssen. Laut Angaben des deutschen Jagdverbands müssen Jäger jährlich rund 260 Euro an Bauern und Waldbesitzer als Entschädigung für Wildschäden bezahlen. Finanziell lohnt sich eine Jagd nicht. Im Schnitt kommt jeder Jäger insgesamt auf Kosten von 4.340 Euro pro Jahr. Diese beinhalten die Ausgaben für die Pacht, Jagdutensilien, den Hund und Anschaffungen für das Revier. Auch deshalb sieht Reinwald das Jagen als Dienst für das Gemeinwohl. „Wir Jäger sorgen dafür, dass der Wildverbiss nicht überhandnimmt und somit für das Gleichgewicht der Natur."

Fahre über das Bild, um zu hören, was Jäger Roland Fälschle über die Jagd erzählt.|Quelle: Sina Götz via Thinglink

Jagen ist ein 24-Stunden-Job. Wenn Wildunfälle passieren, werden die Jäger von der Polizei angerufen. Egal zu welcher Uhrzeit. Dann versorgen sie die verletzten oder getöteten Tiere. „Das macht keiner gerne, aber gehört eben dazu", sagt Fälschle. Jährlich werden rund 183.000 Wildtiere durch Verkehrsunfälle getötet. Obwohl das Jagen nicht nur positive Seiten hat, freut er sich, dass er noch etwas bewegen kann. „Egal, ob es die Einwilligung eines Bauern ist, dass wir die Felder vor der Ernte nach Rehkitzen absuchen dürfen oder die Artenvielfalt in meinem Revier – es ist nicht viel, was ein Einzelner bewirken kann, aber es ist besser als nichts." Und für Reinwald steht fest: „Wir Jäger leben von und mit der Natur. Das ist mehr, als ein Tierschutzaktivist meist von sich behaupten kann."

Geschossen hat Fälschle an diesem Morgen nichts. Verschwendet hat er seine Zeit trotzdem nicht. Für ihn zählt mehr als der Jagderfolg. Nach drei Stunden im Revier sagt er: „Der Sonnenaufgang und die Zeit mit meinem Hund waren das frühe Aufstehen wert."

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Über den Autor

Sina Götz

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Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016