Lebensmittelverschwendung

Zwischen Wertschätzung und Vergeudung

03.02.2015

Die Gesamtmenge an Lebensmitteln, die jedes Jahr von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten weggeworfen werden, liegt bei knapp 11 Millionen Tonnen. Dazu trägt jeder Bundesbürger mit durchschnittlich 81,6 Kilo Lebensmittel pro Jahr bei. Damit kommt man auf eine Menge von 225 Gramm Lebensmittel pro Verbraucher und Tag, die in der Tonne landen.

Es ist dunkel in der Straße vor dem Supermarkt, allein die Straßenlaternen spenden etwas Licht an diesem Samstagabend. Kaum jemand ist noch unterwegs. Auch der Supermarkt und der Parkplatz sind verlassen und liegen im Dunkeln. Marco* schaut sich um, gibt den anderen ein Zeichen und sofort huscht er über den Parkplatz, an der Außenwand des Supermarktes entlang, direkt zu den Mülltonnen im Hinterhof. Zielstrebig wird eine Mülltonne nach der anderen aufgemacht, mit der Taschenlampe hinein geleuchtet, etwas gewühlt und wieder zugemacht. Bei jedem noch so kleinen Geräusch wird die Taschenlampe ausgemacht, sich nicht gerührt und abgewartet. Nachdem alle Mülltonnen begutachtet wurden, wird der Ort genauso schnell verlassen wie er aufgesucht wurde – still und nahezu unsichtbar.

Marco* ist 26 Jahre alt, wohnt in Stuttgart und ist Student. Seit ein paar Monaten geht er regelmäßig containern. Auf seinen nächtlichen Streifzügen sucht er die Supermärkte in ländlicheren Teilen Stuttgarts auf – vier Läden sind dabei auf seiner Liste – in der Hoffnung wieder viele Lebensmittel zu finden. Manchmal ist er sehr erfolgreich und kann gar nicht alle Lebensmittel mitnehmen, ein anderes Mal findet er nichts und muss wieder mit leeren Taschen nach Hause gehen. Marco containert aus finanziellen, aber vor allem auch aus ethischen Gründen. Dass er sich dabei strafbar macht, scheint ihn kalt zu lassen. Vorzugsweise geht er zu Discountern, Bioläden und Großmärkten, denn dort ist die Ausbeute am größten. „Neben Obst und Gemüse landen auch Lebensmittel im Müll, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist" erklärt Frau Anne-Catrin Hummel von der Welthungerhilfe. Diese Lebensmittel sind meist noch mehrere Tage über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus genießbar und gesundheitlich völlig unbedenklich.

Wertachtung gegenüber Lebensmitteln?

In der heutigen Zeit spricht man nicht mehr von Wertschätzung, sondern eher von Missachtung von Lebensmitteln. Jeder Deutsche wirft jährlich 81,6 Kilo Lebensmittel in den Müll, dies geht aus einer Studie der Universität Stuttgart hervor. Besonders bedenklich sind dabei Lebensmittelabfälle die vermeidbar wären. Diese landen häufig wegen des überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatums in der Tonne, oft sind diese Lebensmittel noch einwandfrei und genießbar.

61% der Lebensmittelabfälle in Deutschland kommen aus den Privathaushalten (Infografik Cindy Flacker)

Der Großteil der Lebensmittelabfälle kommt aus den Privathaushalten und liegt bundesweit bei etwa 6,7 Millionen Tonnen pro Jahr. Diese Lebensmittel werden über den Restmüll, die Biotonne, den Ausguss und den Kompost entsorgt oder an Haustiere verfüttert. Das heißt, hier wandert bares Geld in den Müll. Laut der Studie zur Lebensmittelverschwendung der Uni Stuttgart sind etwa 47 Prozent dieser Abfälle vermeidbar und weitere 18 Prozent zumindest teilweise vermeidbar. Damit kommt man auf 53 Prozent die nicht hätten weggeworfen werden müssen. Das entspricht etwa einem Warenwert von rund 235 Euro pro Person und Jahr, bei einer vierköpfigen Familie sogar 940 Euro. Rechnet man dies auf die gesamte deutsche Bevölkerung hoch, so kommt man auf einen Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro jährlich.

Die Gründe für die großen Abfallmengen in Privathaushalten liegen vor allem in der mangelnden Wertschätzung der Lebensmittel. Diese wird durch die ständige Verfügbarkeit und die vergleichsweise niedrigen Preise bestimmt. Ebenso sind Fehlplanungen, Fehleinkäufe und der mangelnde Überblick über Vorräte sowie die falsche Aufbewahrung Gründe für Lebensmittelverschwendung. Auch das sehr umstrittene Thema des Mindesthaltbarkeitsdatums spielt dabei eine große Rolle und bietet dabei genug Stoff zur Diskussion. Ablaufdatum, Verbrauchsdatum und Mindesthaltbarkeitsdatum werden von den Verbrauchern durcheinander gebracht. „Ein Mindesthaltbarkeitsdatum wird vom produzierenden Unternehmen aufgedruckt und sagt nur aus, dass die Produktqualität bis zu diesem Datum zu 100 Prozent gewährleistet ist", wie Frau Hummel erklärt. Darüber hinaus wird das Produkt aber nicht sofort ungenießbar. Ein Ablauf und Verbrauchsdatum, wie es bei frischem Fisch und frischem Fleisch aufgebracht wird, solle dagegen ernster genommen werden.

Zusammensetzung der Lebensmittelabfälle in Privathaushalten (Infografik Cindy Flacker)

Was kann jeder von uns tun?

Jeder Einzelne hat es in der Hand und kann mit ganz banalen Handlungen dazu beitragen weniger Lebensmittel zu verschwenden. „Vor dem Einkaufen einen Blick in den Kühlschrank und die Vorratskammer werfen und einen Einkaufszettel schreiben, im Supermarkt nicht von den Aktionen, Angeboten und Großverpackungen locken lassen und keinesfalls mit Hunger einkaufen gehen" erklärt Frau Hummel. Das Mindesthaltbarkeitsdatum einfach auch mal Datum sein lassen und auf seine eigenen Geruchs- und Geschmackssinne vertrauen. Sieht der Joghurt noch gut aus, riecht normal und schmeckt wie immer, dann kann man ihn unbedenklich verzehren, auch wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum schon überschritten ist. Ein Lebensmittel- oder Foodsharing-Netzwerk mit den Mitbewohnern oder Nachbarn bietet sich an, um angefangene Lebensmittel oder Überreste vom großen Familienessen zu teilen und vor der Mülltonne zu retten.

Doch das Problem der Lebensmittelverschwendung beginnt bereits entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Von den Produzenten über die Händler, Gaststätten, Großküchen und Caterern bis hin zu uns Verbrauchern. Die Initiative „Zu gut für die Tonne" des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft richtet sich an den Endverbraucher und klärt über das Thema Lebensmittelverschwendung auf. Die Initiative „Genießt uns!" der Welthungerhilfe in Kooperation mit dem WWF Deutschland und anderen Organisationen richtet sich hingegen in erster Linie an die Lebensmittelproduzenten, den Lebensmittelhandel und die Gastronomie. Mit der Initiative sollen Unternehmen die eigene Projekte und Ideen haben, um weniger Lebensmittel zu verschwenden, als gutes Beispiel voran gehen und damit andere Unternehmen inspirieren selbst auch etwas zu tun. „Ein vorbildliches Beispiel liefert eine Kantine. Häufig gingen hier die Teller mit vielen Essensresten zurück in die Kantinenküche und wurden dort in den Müll geworfen. Seit neuestem gibt es nun kleinere Portionen und wer nicht satt geworden ist, kann sich einen kostenlosen Nachschlag geben lassen" berichtet Frau Hummel. Auf diese Weise wandern nun weniger Lebensmittel in die Tonne.

Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht, es ist nass und verdammt kalt. Nachdem zwei weitere Supermärkte ausgespäht und die Mülltonnen durchstöbert wurden, ist die heutige Tour beendet. Die Beute: Joghurts deren Mindesthaltbarkeitsdatum um einen Tag überschritten ist, vollreife Bananen und Tomaten, abgepackte Trauben und Kiwis, Kartoffeln, Nudeln und Brötchen. Unglaublich, wie viele gute Lebensmittel im Müll gelandet sind.

*Name von der Redaktion geändert

Total votes: 646
 

Über den Autor

Cindy Flacker

Print & Publishing Master
Eingeschrieben seit: Sose 2010