Multikulturell

Zwischen zwei Welten

29.06.2015

Viele Kinder der ersten oder zweiten Gastarbeitergeneration betrifft es, reden will aber niemand gerne darüber. Die Krise mit der eigenen Identität. Zuhause werden die Werte und Traditionen der alten Heimat der Eltern vermittelt, draußen wartet der normale deutsche Alltag mit allem, was dazu gehört. Ein komplett anderes Leben und plötzlich steht man zwischen zwei Welten.

Ich stehe vor dem Eingang der Hochschule für Technik in Stuttgart. Es sind viele Studenten unterwegs, wahrscheinlich ist gerade Pause. Ich biege um eine Ecke und erkenne meine Interviewpartnerin, sie wartet am vereinbarten Treffpunkt auf mich. Ein junges Mädchen, 22 Jahre alt. Sie wohnt in Stuttgart und studiert Mathe an der HfT. Rein äußerlich weist sie nichts als Tochter griechischer Einwanderer aus, aber wie sieht es in ihr drinnen aus? Wo steht sie? Welchem Teil fühlt sie sich mehr verbunden, der griechischen Herkunft oder dem deutschen Leben, das sie hier führt? Und wie äußert sich diese oder jene Verbundenheit genau? Ich stehe kurz davor, all das herauszufinden.

Wir gelangen über weitläufige Treppen in den zweiten Stock. Ein Raum mit hohen Fenstern, spärlich eingerichtet. Nur Tische und Stühle, nichts Überflüssiges. Wir wählen einen Tisch in der hinteren linken Ecke und setzen uns. Ich hole das Aufnahmegerät aus meiner Tasche und stelle es auf den Tisch. „Bist du bereit?", frage ich. Sie schaut mich an und lächelt. Ich drücke die Aufnahmetaste. Wir fangen an.

Bist du in Griechenland geboren?

Nein, in Deutschland.

Aber deine Eltern kommen beide aus Griechenland?

Genau, sie sind dort aufgewachsen und sind dann später nach Deutschland gekommen.

Ich kenne ein türkisches Mädchen, auch hier in Deutschland geboren. Sie meinte einmal zu mir, bei ihr sei es ganz komisch. Sie sehe sich nicht als Deutsche aber auch nicht als Türkin, weil sie eben zu beiden Welten gehört. Siehst du das auch so?

Ja. Wenn ich nach Griechenland gehe, bin ich dann die Deutsche und hier bin ich dann die Griechin. Und das ist echt so, man sucht sich dann schon selbst. Wo bin ich jetzt? Zu wem gehöre ich? Das hab ich noch nicht gefunden, ne.

Das ist aber auch schwer.

Genau, ich bin hier geboren und hab hier meine Freunde. Ich studiere hier und Griechenland kenne ich eigentlich nur aus dem Urlaub. Ich hab dort meine Verwandten, aber ich kann das nicht so zuordnen, dass ich sagen könnte: „Ich bin Deutsche oder ich bin Griechin". Weil um Griechin zu sein, müsste ich schon dort leben. Mein Umfeld ist ja auch nicht komplett griechisch. Also kann ich auch nicht sagen: „Ich bin Griechin", aber mein Umfeld ist auch nicht komplett deutsch. Das ist so ein Durcheinander.

Was gefällt dir denn am meisten an der griechischen Kultur?

Die sind lockerer drauf. Gut, also man kann’s jetzt nicht verallgemeinern. Es gibt auch Griechen, bei denen denkst du: „Oh Gott, mit denen kann ich nicht befreundet sein". Es gibt aber auch Deutsche, bei denen du sagst: „Denen kann man vertrauen und die werden mir nichts Böses antun". Aber nicht jeder ist so locker, vor allem hier im Schwabenländle. Zum Beispiel unsere Nachbarn. Wenn irgendwas im Haus passiert, sind’s immer wir, weil wir die einzigen Ausländer im Haus sind. Obwohl wir nichts gemacht haben, werden wir immer gleich beschuldigt und das ist halt nicht so toll.

Ist das dann auch so eine Art Vorurteil gegenüber Ausländern?

Ja vor allem jetzt mit der Krise. Da hab ich einiges abbekommen.

Hast du dafür ein Beispiel?

Damals auf dem Wirtschaftsgymnasium. Mein Nebensitzer, der hatte halt keinen Block und fragt … ne der hat gar nicht gefragt. Der hat einfach gemeint: „Gib mir mal ein paar Blätter". Und ich dann so: „Ja wie wär‘s mal mit fragen oder wenigstens mit bitte?" Dann hat er geantwortet: „Ne. Ihr schuldet uns ja eh was."

Mit so einem dummen Spruch rechnet man in diesem Moment ja nicht, warst du dann erst mal perplex?

Doch, also vor allem als die Krise angefangen hat. Man hört einfach nichts Gutes. Es gibt selten mal Deutsche, die sagen: „Die Bevölkerung kann nichts dafür. Das ist die Regierung, die da den Müll gebaut hat." Die schieben‘s alle auf die Bevölkerung. Ich mein, ich kann ja nichts dafür. Ich hab ja nicht mal dort gelebt. Ich bin hier und meine Eltern zahlen hier die Steuern. Wir haben ja auch keinen Einfluss auf die Regierung. Das ist einfach schwachsinnig.

Denkst du, es ist besser, wenn man solche Sachen einfach ignoriert?

Wenn die Menschen so denken dann sollen sie doch. Ich bin da jetzt nicht so ein Moralapostel und muss alle umstimmen oder denen zeigen, wie’s in Wirklichkeit ist. Das ist nicht meine Aufgabe.

Machen dir solche Sprüche was aus?

In dem Moment schon. Da werd ich schon aggressiv, ich bin ja nicht jemand der Griechenland in den Ruin gebracht hat oder sonst was. Ich kann ja nichts dafür. Wenn man was zu sagen hat, dann soll man dahin gehen, wo die Baustelle ist und nicht drum herum reden.

Wenn du in Griechenland bist, fragen dich die Leute dort nach Deutschland?

Die haben dann andere Vorurteile. Das finde ich jetzt auch nicht so toll. Die kotzen sich dann bei mir aus. Also es wird viel über … Merkel, ja. Darüber wird nichts Gutes gesagt. Die Merkel hier, die Merkel da. Aber ich kann auch nichts dafür, ich geh hier ja nicht mal wählen.

Kann man sagen, dass du dann von beiden Welten nur das Negative abbekommst?

Ja, genau. Die Griechen sagen jetzt nicht: „Hey Deutschland ist super. Ihr seid ja eh die Reichen und euch geht’s gut." Die wissen eben nicht viel über das Leben hier, dass das hier komplett anders ist. In Griechenland ist es so, du verdienst weniger Geld aber nach deiner Arbeit kannst du kurz mal am Strand spazieren gehen. Und hier ist es so, du hast hier das schlechte Wetter und dann arbeitest du 10 Stunden, kommst raus und es ist alles dunkel. Du verdienst zwar besser, aber dafür hast du jetzt nicht das schönere Wetter und die lockeren Menschen.

Als die Leute in Griechenland sich negativ zu Frau Merkel geäußert haben, wie hast du da reagiert? Hast du was dazu gesagt?

Was soll ich da dazu sagen? Die würden mir was gegen den Kopf werfen oder sonst was. Die leiden da schon extrem drunter. Die haben das Gefühl, wenn die mir etwas sagen, also ob ich dann gleich zu Merkel rennen würde und ihr alles erzähle und sie dann da was dran ändert. Aber ich kann jetzt auch nicht gegen 20 Leute was sagen. So: „Hey ihr habt alle unrecht." Denen geht’s einfach nicht gut und dann müssen sie‘s auf jemanden schieben. Und die erste Person, die Deutschland darstellt ist ja schon die Frau Merkel. Damit ist nicht gemeint, dass Merkel die schlimme ist. Alles drum herum ist damit gemeint.

Herrscht bei den Menschen in deinem griechischen Heimatdorf große Armut?

Ja, auf jeden Fall. Die Leute haben manchmal gar nichts zu essen. Im Dorf ist es ja noch gut. Die haben da noch ein Beet und können dort ihre Tomaten oder so pflanzen und ernten und essen. Und andere wiederum haben nichts.

Und was machen sie dann?

Also zum Beispiel bei uns ist es so, meinen Großeltern geht es finanziell nicht gut. Meine Oma ist krank und da heißt es dann nicht: Ja die Krankenversicherung zahlt was oder sie ist pflegebedürftig und bekommt Geld. Bis sie das Geld bekommt, ist sie wahrscheinlich tot. Jetzt mal ganz offen und ehrlich gesagt. Sie ist seit zwei Jahren im Bett und bis jemand vorbeikommt um das einzustufen … . Der Papierkram geht immer hin und her. Man muss zu 20 Stellen gehen und der eine schickt den anderen da hin und wieder zurück. Das ist schon aufwendig und das Geld kommt einfach nicht. Und mit 1.200 € und einer Pflegefrau, die 600 € im Monat verlangt könne sie das nicht bewältigen und wir schicken dann im Monat so 200–300 €, damit sie überleben können.

War es deinen Eltern wichtig, dass du die griechische Sprache lernst?

Ja, das war schon wichtig, weil sie immer die Option hatten, dass wir wieder zurück gehen aber die Krise hat halt nichts Gutes gebracht und ich denk schon, dass sie jetzt hier bleiben. Also ich auf jeden Fall. Wenn meine Eltern irgendwann einmal zurück wollen, gut. Aber es war mir selber wichtig, dass ich die Sprache meiner Eltern richtig gut kann.

Sprecht ihr daheim nur Griechisch?

Überwiegend ja. Mein Vater hat gemeint: „ Daheim sollst du Griechisch reden und draußen kannst du dann Deutsch sprechen".

Deine Mutter kocht wahrscheinlich auch griechisch daheim? Was magst du denn am liebsten?

Ich bin jetzt nicht so ein Fan von der griechischen Küche. Ich mag nur das Hackfleisch. Diese Hackbällchen, aber die griechische Bohnensuppe ist jetzt nicht so mein Ding. Meinen Eltern schmeckt’s aber dann ess ich halt in der Mensa, wenn ich weiß, dass es dann daheim sowas gibt. Gut, den Fisch find ich auch ganz lecker. Also wir kaufen hier griechischen Fisch in Deutschland. Das ist das einzige, bei dem ich sage „Ok das schmeckt mir ganz gut" aber sonst so ein bestimmtes Gericht jetzt nicht so. Ich mag dann mehr die deutschen Sachen, zum Beispiel Schnitzel.

Denkst du, deinen Eltern gefallen die deutschen Traditionen? Wie jetzt beispielsweise die Kehrwoche?

Ja, es muss schon ordentlich sein. Man möchte keinen Müll vor der Haustür haben oder so und dann muss man alles sauber halten. Also die Kehrwoche die hatten sie dann sozusagen auch in Griechenland. Man möchte ja sauber und ordentlich sein, das nimmt man überall hin mit.

Anmerkung des Autors: Interviewpartnerin wollte anonym bleiben, deswegen kein Name und keine persönliche Abbildung.

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Über den Autor

Ann-Kathrin Schröppel

Crossmedia Redaktion / Public Relations (Bachelor)
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2014