Unterricht zwischen Block und Blog

Das Ende der Kreidezeit

29.10.2014

Smartphones und Tablets verändern unser Leben. Doch nicht nur unser Alltag und die Arbeit wird umgekrempelt. Die Technik ist längst auch in den Kinderzimmern angekommen. Wie reagieren die Schulen auf die digitalisierte Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen?

Julia, 16 Jahre, im Unterricht mit ihrem Tablet. (Foto: Privat)

„Tablets raus, in eurem Cloudordner sind die Unterlagen für heute hinterlegt. Bitte macht diese schon mal auf". So beginnt der ganz normale Schultag von Julia, elfte Klasse, am Maria Ward Gymnasium in Augsburg. Im Leistungskurs Biologie soll heute eine Präsentation erstellt werden. Die Schüler recherchieren eigenständig im Freien, machen Fotos und Videos und betten diese direkt am mobilen Endgerät in eine Präsentation ein. Am Ende der Stunde präsentiert Julias Gruppe das Ergebnis schnurlos am Beamer. Julia ist laut statistischem Bundesamt eine von 8,4 Millionen Schülerinnen und Schülern, die eine allgemeinbildende Schule besuchen. Die Möglichkeit, mit neuer Technik zu arbeiten, ist jedoch nicht selbstverständlich, sagt Julia. Im Gegenteil. Viele ihrer Freundinnen gehen auf Schulen, in denen nach wie vor ein striktes Handyverbot herrscht. An Tablets ist dort gar nicht zu denken. Der Unterricht findet fast ausschließlich mit Kreide und Tafel statt. Denn dem Unterricht mit Tablet steht vor allem auch die Finanzierung im Weg.

Und wer soll das bezahlen?

An Julias Schule wurde der sogenannte „1to1-Ansatz" etabliert. Jeder Schüler erhält sein eigenes Tablet, das er auch zum Arbeiten mit nach Hause nehmen darf. „Man kann sogar private Daten wie Urlaubsbilder oder Musik darauf speichern" sagt Julia. Die Gefahr, dass im Unterricht nur gespielt oder gechattet wird, bestehe jedoch nicht. Meistens sei sowieso viel zu tun und die Arbeit mit dem Tablet selbst mache an sich schon Spaß. Julias Gymnasium hat die Geräte mithilfe ihres Fördervereins gekauft. Die Beschaffung wurde zentral organisiert und war damit günstiger für die Schüler die die Geräte der Schule dann abkauften. Für diejenigen, die sich das Tablet trotzdem nicht leisten können, wurde ein Pool angeschafft, aus dem kostenlos Leihgeräte ausgegeben werden.

„Schüler haben Spaß am eigenverantwortlichen Arbeiten."

Julia engagiert sich als Tablet-Mentorin für ihre Klassenkameraden. Nach dem Läuten der Pausenklingel hat sie eine Besprechung mit Sarah Berner, Lehrerin und Projektleiterin der „Tabletklassen". Die größte Herausforderung sei, die Kollegen älterer Generationen von der Wichtigkeit und Relevanz des Einsatzes neuer Medien zu überzeugen, sagt Berner. „Interne Fortbildungen sind daher das A und O."

Berner hat sich bewusst in einer „Tabletklasse" engagiert, da sie im Einsatz der Geräte entscheidende Vorteile sieht: „Tablets sind handlich, sie ermöglichen den modernen Medieneinsatz im Moment ohne großen Aufwand. Das heißt: kein Raumwechsel und kein Zeitverlust durch Hochfahren von Geräten. Sie sprechen unterschiedliche Lerntypen an und es muss weniger kopiert werden". Zudem würden die Schüler nun deutlich souveräner und selbstbewusster präsentieren als vorher. „Sie arbeiten eigenverantwortlicher an beispielsweise Lernvideos und Keynotes (Präsentationen, d. Red.) und haben Spaß dabei. Denn Motivation und Spaß am Lernen sind superwichtig. Ist ja klar!"

„Medienbildung muss wieder zurück in die Schule"

Das bestätigt auch Dr. Michael Kirch. Im Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erforscht er die Vor- und Nachteile für das Lernen mit Tablets und schult die kommende Generation von Lehrern.

„Ich habe das Gefühl, dass deutsche Schüler medial sehr fit sind, aber dass das, was sie in Bezug auf den Umgang mit digitalen Medien lernen, nur zu einem gewissen Anteil von der Schule geprägt ist", sagt Kirch. „Da überlassen wir Bildung dem außerschulischen Bereich mit all seinen Gefahren, Chancen und Ungerechtigkeiten."

Um den Umgang mit digitalen Medien zu lehren, seien Tablets derzeit ein geeignetes Mittel. Das Tablet könne als eine Art Federmäppchen verstanden werden, das eine Vielzahl von Funktionen und Möglichkeiten mit sich bringe. Die Kunst sei nur, diese auch richtig zu nutzen. Bei falscher Anwendung könne der Unterricht, trotz guter Technik, sogar schlechter werden als zuvor. Daher sei die Schulung von Lehrkräften in diesem Bereich besonders wichtig.

Für Kirch ist der Einsatz von Tablets auch eine Antwort auf ein zentrales Problem der Schulen. Die größte Herausforderung sei es, auf viele unterschiedliche Schüler- und Lerntypen zu reagieren und sie optimal auf eine Zeit nach der Schule vorzubereiten. Deshalb müsse man der Individualität der Schüler mit einer Vielfalt an Methoden, Geräten und Medien begegnen.

„Ladet bitte eure aktuelle Präsentation auf den Server. Ich werde euch später die Hausaufgabe zuschicken. Bitte erledigt diese bis Montag". Julias Schultag geht zu Ende. Schwere Bücher muss sie nur noch selten einpacken, da diese meistens digital auf dem Tablet verfügbar sind. Die anstehende Gruppen-Hausaufgabe wird am Wochenende über einen Videochat koordiniert. Da nächste Woche eine Englischprüfung ansteht, steckt Julia ihre Kopfhörer am Tablet ein, startet die Audiodatei im interaktiven Englischbuch, das ihre Lehrerin zuvor verlinkt hat und macht sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Und was machen die Lehrer?

Es wurden 501 Lehrer repräsentativ zu ihrem Einsatz von elektronischen Medien im Unterricht befragt. Die Ergebnisse sehen Sie hier. (Quelle: Bitkom Schule 2.0 / 2011, Grafik: Schöberl)

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Über den Autor

Markus Schöberl

Electronic Media Master - Unternehmenskommunikation
Eingeschrieben seit: WS 2014/15