Kinder und Medien

Digitale Erziehung: Der richtige Umgang?

29.12.2016

Die rasanten Entwicklungen in der Medienwelt machen nicht vor Kinderzimmern und Klassenräumen halt. Neue elektronische Medien stellen Eltern und Lehrkräfte tagtäglich vor Herausforderungen. Wie können Kinder digitale Kompetenzen entwickeln und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang lernen? Und wessen Aufgabe ist eigentlich Digitale Erziehung?

Digitale Medien nehmen einen immer größeren Stellenwert im Leben von Kindern und Jugendlichen ein. |Quelle: Simon Wörz

Unsicherheit, Skepsis, Argwohn – sobald Pädagogen das Thema Digitale Erziehung zur Sprache bringen, erfahren sie von Eltern oft vergleichbare Reaktionen. Die Sorge um das Kind und fehlende eigene Erfahrungen hemmen nicht selten im erzieherischen Umgang mit elektronischen Medien. Lehrern und Erziehern geht es ähnlich. Viele Schulen und Kindergärten haben das Thema (noch) nicht auf dem Schirm und schieben die Verantwortung indirekt in Richtung Elternhaus. Nichtsdestoweniger beeinflusst die zunehmende Digitalisierung den Alltag von Familien und Bildungseinrichtungen. Neben Fernseher, Computer und Spielekonsole verändern vor allem mobile Medien wie Smartphone und Tablet, sowie das Internet, das Verhalten der heranwachsenden Generationen.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach sehen sich Eltern vor allem selbst in der Pflicht, wenn es darum geht, ihre Kinder an neue Medien heranzuführen. Dennoch wünschen sich 90 Prozent der befragten Elternteile die Grundschule als hauptverantwortlichen Ort für digitale Medienbildung. Kindertagesstätten hingegen sollen möglichst frei davon sein. Nur eine Minderheit der Elternschaft hält gezielte Bildung im Kindergarten für notwendig. Hier drängt sich die Frage auf, ab wann Kinder in Kontakt mit digitalen Medien kommen sollten.

Ab welchem Alter sollte ein Kind mit Smartphone, Tablet oder Laptop umgehen können? Drei Mütter antworten.

Eltern missbilligen digitale Medien im Kindergarten

Tina Betsch registriert ebenfalls eine generelle Ablehnung gegenüber digitaler Bildung im Kleinkindalter. Sie arbeitet seit über 20 Jahren als staatlich anerkannte Erzieherin und ist Teil der Hausleitung einer Tübinger Kita. Beispielhaft: Als der Kindergarten einen Lerncomputer anschaffen wollte, scheiterte das am Widerstand der Elternschaft. Überhaupt wird das Thema bei Elterngesprächen gerne vermieden. Erstaunlicherweise nutzt laut Studie jedoch ein Drittel aller Kita-Kinder zumindest sporadisch das Internet.

Manchmal habe sie das Gefühl, der Medienkonsum der eigenen Sprösslinge, sei den Eltern sogar unangenehm, berichtet Betsch. Dabei gehen die Kleinen heute viel selbstverständlicher mit CD-Playern und Handys um als noch vor zehn Jahren. Vom Kinderhort abgeholt, zählen Tablet- und Smartphone-Spiele zum normalen Nachmittagsprogramm eines Fünf- oder Sechsjährigen. Den ein oder anderen Zwerg hat Betsch schon beim imaginären Selfie-Schießen entdeckt – natürlich von Mama oder Papa abgeguckt. Eher kontraproduktiv wirkt sich ihrer Meinung nach der Umstand aus, dass viele Erwachsene selbst fleißig digitale Medien nutzen, sie dem eigenen Filius jedoch komplett vorenthalten. Hier sollte das Verhältnis stimmen.

Welche gesundheitlichen Folgen gibt es?

Eine Ursache für die Berührungsängste vieler Eltern ist die Angst vor unbekannten Auswirkungen auf das eigene Kind. Auf ihrem Webauftritt warnt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass unverhältnismäßige Mediennutzung in jungen Jahren Schäden nach sich ziehen kann. Bildschirmmedien beispielsweise können die Eltern-Kind-Kommunikation und die daraus resultierende Bindung maßgeblich beeinträchtigen. Außerdem führen übermäßiges Computer- bzw. Videospielen und Fernsehen nachweislich zu Schlafproblemen und Konzentrationsschwäche. Ein gewisses Suchtpotenzial ist vielen Geräten und Spielen zudem nicht abzusprechen. Vorweg ist indes zu sagen, dass die Langzeitfolgen der Mediennutzung von Kindern in der heutigen Form noch nicht erforscht sind. Tatsache ist auch, dass jedes Kind Medien individuell konsumiert und verarbeitet.

Ist also eine gewisse Vorsicht angebracht oder müssen Eltern gelassener mit dem Thema umgehen?

Dejan Simonovic ist Alumni der Hochschule der Medien und medienpädagogischer Referent beim Stadtmedienzentrum Stuttgart. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen, den Wandel in Schulen und wann Sorgen von Eltern berechtigt sind.

Dossierung und Begleitung

Für Aufklärung und Information sorgt die ComputerSpielSchule Stuttgart. Das Projekt mit Ursprung in Leipzig will Medienkompetenzen tiefer in der Öffentlichkeit verankern und gleichzeitig einen Raum für Dialog schaffen. Neben dem Standort im Stadtmedienzentrum, gibt es in Baden-Württemberg Schwesterprojekte in Karlsruhe und Freiburg. Simonovic ist Leiter des Stuttgarter Projekts. Sein Team hat es sich zur Aufgabe gemacht, Vorurteile gegenüber digitalen Spielen abzubauen und zusammen mit Eltern, Lehrern sowie Kindern praktisches Know-How zu sammeln. Weiterhin soll den Erziehungsbeauftragen ein Blick über das Ballerspiel-Klischee hinaus, sowie die positiven Effekte von digitalen Spielen, aufgezeigt werden. Dafür stehen ein Computer-Raum und mehrere Spielkonsolen mit unterschiedlichen Games zur Verfügung. Kommen darf jeder, eine Anmeldung wird nicht verlangt, ebenso wenig wie Eintritt.

COMPUTERSPIEL SCHULE STUTTGART
Das Projekt des Stadtmedienzentrums ist ein Ort der Begegnung, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene Erfahrungen in der Welt der Online-, Computer- und Videospiele sammeln und reflektieren können. Sie steht jeden Freitagnachmittag, 14 bis 18 Uhr, für alle Interessierten offen und ist an das Landesmedienzentrum in der Rotenbergstraße gekoppelt. Anmeldung von Gruppen, Workshopanfragen und sonstige Fragen rund um das Thema Computerspiele werden unter folgendem Kontakt beantwortet: Computerspielschule@lmz-bw.de

„Viele Eltern sind in erster Linie dankbar für das professionelle Feedback", fasst Simonovic die Rückmeldungen der Besucher seit dem Projektstart im Frühjahr zusammen. Er beobachtet, dass vermehrt Lehrer mit dem Landes- und Stadtmedienzentrum zusammenarbeiten und mit ihren Schulklassen zu den angebotenen Workshops kommen. Hin und wieder treten auch sorgenvolle Eltern mit folgender Botschaft an ihn heran: „Hilfe, mein Kind ist süchtig!" In 99 Prozent der Fälle sei dem aber nicht so, beschreibt der Pädagoge seine Erlebnisse. Er empfiehlt eine altersspezifische Dossierung des Medienkonsums.

Auf die Frage nach einer Altersgrenze für digitale Mediennutzung lautet seine Antwort: „Es gibt kein zu früh."

Wichtig sei nur, dass Kinder bis zu einem gewissen Reifegrad bei der Nutzung von Erwachsenen begleitet werden. Denn Fakt ist: Digitale Medien nehmen immer mehr Raum in unserer Gesellschaft ein und zukünftig wird es kaum möglich sein, sich diesem Wandel zu entziehen. Weder zu Hause, noch in der Schule oder im Kindergarten.

Weitere Stimmen von Kindern und Eltern und Hintergrundinformationen verstecken sich hinter den verschiedenen Tasten des Controllers. |Quelle: Simon Wörz via Thinglink

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Über den Autor

Simon Wörz

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Sommersemester 2016