Beruf Leitstellendisponent

Hinter dem Notruftelefon

29.06.2016

Tragische Unfälle, Verletzungen oder Herzinfarkt - Situationen, in denen der Notruf gewählt wird. Doch wer sitzt da eigentlich hinter dem Telefon? Ein Einblick in einen verborgenen Beruf.

Wer verbirgt sich hinter dieser Tür? |Bild: Vivian Kuhn

Als ich in die kleine Straße einbog, gab es zunächst keinen Hinweis darauf, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Auch das einfache Wohnhaus mit seinen drei Stockwerken ist eher unauffällig. Erst das Klingelschild bestätigt hier das Ziel: das Deutsche Rote Kreuz. Einer der Rettungsassistenten führt mich eine breite Treppe hinauf, dann folgt links eine weiße Tür auf der in blauer Schrift geschrieben steht: „Integrierte Leitstelle – Zutritt nur für autorisierte Personen". Einmal kurz geklingelt und schon stehe ich in einem unscheinbaren, etwas dunklen Raum. Sofort fallen einem die vielen Computer ins Auge. Außerdem zieren eine Landkarte und mehrere Kalender die kahlen Wände der Leitstelle.

Ein großer, schlanker Mann mit Brille sitzt auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes und starrt auf einen Computer. Seit bereits zehn Jahren ist Patric Falk einer der sogenannten Leitstellendisponenten der Integrierten Leitstelle Villingen. Auf die Frage nach der Bedeutung des Wortes „integrierte" Leistelle antwortet Falk: „Dass wir eine integrierte Leitstelle sind heißt, dass bei uns sowohl die Notrufe für die Feuerwehr, als auch für den Rettungsdienst eingehen". Und das sind nicht gerade wenige. Bevor er bei der Leitstelle angefangen hat war Patric – wie alle seine Kollegen – als Rettungsassistent tätig. Eine jahrelange Berufserfahrung sowie eine dreijährige Ausbildung zum Leitstellendisponenten waren Voraussetzung dafür, dass er seinen jetzigen Beruf aufnehmen konnte. Wenn mehrere Notrufe gleichzeitig eingehen, erfordert das von Falk und seinen Kollegen ein großes Organisationstalent. Die Arbeit hinter dem Telefon dreht sich vor allem darum, die Einsatzfahrzeuge logisch zu organisieren. Die Arbeit an den Computern, auf denen im Sekundentakt Zahlen und Wörter aufblinken, war für Falk ein Anreiz, zur Leitstelle zu wechseln. „Die Telefonanlage, die vielen Bildschirme und die Organisation – das waren meine Beweggründe hier her zu kommen".

Bildschirmchaos - Patric Falk kennt sich hier bestens aus. |Bild: Vivian Kuhn

Auch Jochen Stöffelmaier sitzt in dieser Frühschicht von sechs bis 14 Uhr hinter den großen Bildschirmen am Telefon. Er ist schon länger dabei als Falk, ist zu dem der Ausbildungsleiter der Leitstelle. Besonders prägend für ihn: das Hagelunwetter 2006. Nachdem in Villingen Hagelkörner in Größe von Tischtennisbällen vom Himmel prasselten, stand keine Leitung mehr still. Umgestürzte Bäume, kaputte Autos, verletzte Menschen und besonders schlimm: Zwei nicht zu erreichende Einsatzstellen. Bis heute hat Stöffelmaier das Unwetter und dessen Folgen nicht vergessen. Normalerweise sitzen in der Leitstelle drei Disponenten, doch in Krisensituationen wie diesen ist jede helfende Hand entscheidend. Das heißt: Alle Kollegen, die Zeit haben, machen sich innerhalb von 15 Minuten auf den Weg zur Leitstelle und stehen den Diensthabenden zur Seite.

|Grafik: Vivian Kuhn via Piktochart, Quelle: Jochen Stöffelmaier

„Wohnzimmer" wird die Leitstelle liebevoll von den Disponenten genannt, wobei der Tisch in der Mitte eher einem Esszimmertisch gleicht. Hier stehen das Mittagessen und der Kaffee schon für die Pause bereit. Eine richtige Pause gibt es laut Falk aber nicht. „Auch wenn wir ein Anrecht auf Pause haben, ist es oft der Fall, dass man nur zwischendurch mal kurz etwas isst, weil man seine Kollegen nicht im Stich lassen will. Das hier ist ein Teamjob, anders würde es nicht funktionieren" schildert er mir seinen Alltag. Auch nach Feierabend wird Geschehenes nicht so leicht vergessen. „Wirklich abschließen kann man nach Feierabend nicht, die Schicksale der Anrufer nimmt man mit nach Hause", so Stöffelmaier. Dennoch merke ich, wie viel Spaß die Mitarbeiter haben und mit welcher Motivation sie bei ihrer Arbeit am Telefon und Computer sind. Und zwischendurch bleibt auch Zeit, um miteinander zu lachen.

Stöffelmaier setzt sich wieder sein Headset auf: Ein neuer Notruf geht ein. Über die Bildschirme verfolge ich, wie er erneut in Sekundenschnelle einen Rettungswagen zur Einsatzstelle beordert. „Wir haben immer alles im Blick", so Falk. Die Karte des Schwarzwald-Baar-Kreises auf dem mittleren Bildschirm sei besonders wichtig. „Mit deren Hilfe können wir uns einen Gesamtüberblick verschaffen und dem Rettungsdienst, wenn nötig, den Weg erklären". Außerdem spielt die Übersicht über die verfügbaren Einsatzwagen eine große Rolle, denn hier kann jederzeit eingesehen werden, wo sich der zum Zielort nächstgelegene Wagen befindet.

|Grafik: Vivian Kuhn via Piktochart, Quelle: Dirk Sautter

Ganz plötzlich herrscht eine hektische Atmosphäre, alle drei Männer beginnen zu telefonieren und blicken gebannt auf einen Bildschirm. Ein Hinweis ist eingegangen: Eine verdächtige Person im Bereich einer Brücke, hat diese vor sich umzubringen? Alle Leitstellendisponenten handeln sofort. Der beobachtete Bildschirm zeigt die Überwachung eines Tunnels, der sich in der Nähe der Brücke befindet. In diesem Tunnel, in der sich die Frau nun aufhalten soll, wird ein Tempolimit verordnet. Die ganze Aufmerksamkeit gilt ab jetzt der Suche nach der Frau. Nach einiger Zeit kann Entwarnung gegeben werden: „Person in Tunnel nicht auffindbar" tippt Falk in seinen Computer ein. Die Anspannung im Raum fällt, Falk konzentriert sich in Ruhe auf den nächsten eingehenden Notruf.

Ich erlebe allerdings auch ruhige Phasen an diesem Vormittag. Zeit zum Durchatmen. Durch das geöffnete Fenster dringen die Laute der Kirchenglocken. Nur noch eine Stunde bis zum Ende der Frühschicht. In dieser Stunde kann viel passieren, doch bei jedem neuen Einsatz sind es zuerst die Männer hinter dem Telefon, die Hilfe leisten.

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Über den Autor

Vivian Kuhn

Crossmedia Redaktion/Public Relations
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2015/2016