Türkische Musikkultur

Saz vs. E-Gitarre

23.06.2015

Die Musik ist der Spiegel der Seele, der eigenen Persönlichkeit und der Kultur. Durch sie kann man sich ausdrücken und zu sich selbst finden. Auf den Bühnen der Welt findet man diese bunte Crossculture. Doch verstehen die Leute die Message, die sich hinter den fremden Sprachen und Instrumenten verbirgt?

Orient auf der Bühne

Liman bedeutet Hafen – der Ort, an dem sich viele Menschen begegnen, ein inspirierender Ort. Inspiriert wurde die Band Limanja von den unterschiedlichen Kulturen der Musiker. Türkisch, griechisch und deutsch klingen nebeneinander.

Es ist Mittwochabend in Ludwigsburg. Und es liegen orientalische Klänge in der Luft. Versteckt in einem kleinen Hinterhof probt die Band Limanja. Nichts im Proberaum würde vermuten lassen, dass hier die türkische Kultur zwischen den Zeilen und Saiten klingt. In der einen Ecke ein Drumset, in der anderen Verstärker und Bodenpedal für die E-Gitarre. Geige und Saz mussten heute leider zu Hause bleiben – ein ungewöhnliches Bild, denn diese beiden Instrumente verleihen der Band ihren ganz eigenen unverwechselbaren Charakter.

Draußen im Grünen machen es sich zwei der fünf Limanja-Mitglieder gemütlich, bevor es in den schummrigen Proberaum geht. Nazim ist die Stimme der Band und Gitarrist, Robert trommelt am Schlagzeug, Bertram spielt den Bass. Die Violine wird von immer wechselnden Mitgliedern zur Hand genommen und an der Saz findet man Serkan, der ebenfalls aus der Türkei stammt. Gesungen wird auf Türkisch und musiziert – nun ja, ebenfalls.

Diya: War es eure Wunschvorstellung, euer Ziel, die eigene Kultur in die Musik einfließen zu lassen?

Nazim: Das war kein so gezwungenes Ziel, das war einfach nur so authentisch. Es fühlt sich für mich anders an, wenn ich einen türkischen Text schreibe und singe, als einen deutschen Text. Wobei ich besser Deutsch kann als Türkisch. (lacht)

Diya: Ihr seid in Deutschland geboren, singt aber auf Türkisch. Fühlt ihr euch dann dennoch mehr als Deutsche?

Nazim: Ich fühle mich schon mehr als Deutscher. Wobei rein unter Deutschen frage ich mich schon, ob ich vielleicht ein bisschen anders bin. Es ist eine Mischung aus beiden Ländern. Wenn die Leute ehrlich zu sich selber sind, sind die meisten Menschen ein bisschen gemischt.

Diya: Was hat euch und eure Songs beeinflusst?

Nazim: Es ist vielleicht das Bewusstsein, ich weiß, ich trag irgendwas in mir drin. Und ich hole mir selber Wissen darüber. Von der Familie habe ich nicht so viel mitgegeben bekommen. Ich hatte ein Interesse die Kultur zu entdecken, weil eine Sprache ist ein Schlüssel in eine andere Kultur.

Diya: In eurer Band findet man verschiedenen Kulturen und Sprachen. Übersetzt du deinen Bandkollegen auch die türkischen Texte?

Nazim: Jaja klar. Aber die vergessen das immer. Bei jedem Lied sag ich stolz, worum es geht. (Robert lacht) Und ich hab eine tolle Message. Dann haben sie alles wieder vergessen.

Diya: Eure türkischen Landsleute verstehen die Message dann eigentlich schon. Fühlt ihr euch von ihnen auch eher angenommen?

Nazim: Ich habe eher anders herum das Gefühl. Wenn jetzt Deutsche im Publikum sind, haben die nicht so hohe Erwartungen. Die sind relativ offen.

Robert: Wenn du auf ein Konzert von einer deutschsprachigen Band gehst, nimmst du ja auch nicht den ganzen Text komplett wahr, also inhaltlich. Du checkst oft auch nicht unbedingt um was es geht. Deswegen ist es nicht so wichtig, es geht ja ums ganze Erleben.

Diya: Abgesehen von der heutigen Probe sind Saz und Geige immer dabei? Ohne die geht nichts?

Robert: Ohne Saz geht nicht.

Nazim: Die Geige ist meist ein ausschmückendes Element. Die Arrangements und die Solos, die gespielt werden, sind meist hintergründig.

Robert: Die Saz hat schon einen tragenden Charakter. Wichtige Melodieteile. Und die Geige ist eine besondere Klangfarbe, die hinzukommt.

Rock mit Weltmusik-Touch ist in der Türkei eher selten.Quelle: LimanjaRock mit Weltmusik-Touch ist in der Türkei eher selten. Quelle: Limanja

Diya: Wie sieht es mit Ablehnung aus? Habt ihr damit schon eure Erfahrungen machen müssen?

Nazim: Sowas kam aus der türkischen Szene. Es ist schon schade, wenn die Leute eigentlich sogar die Message und den Text verstehen können und dann sagen, ihr müsst mehr Party machen, ihr müsst rotziger sein.

Diya: Da kommt mir die Band TUZ in den Sinn, wenn du von der Art Rock erzählst.

Nazim: Da spielt mein Bruder. Der Schlagzeuger ist mein Bruder. Die sprechen ein andres Publikum an, die haben eine ganz gute Szene. Die spielen Rock, rotzig, wie es in der Türkei auch beliebt ist.

Robert: Um erfolgreicher zu sein, müsste man wohl was machen, was ganz vielen Leuten gleichzeitig gefällt und da weiß ich nicht, ob wir das machen. Das ist aber auch nicht das Ziel.

Nazim: Wir wollen einfach Musik machen. Lieber authentisch sein.

Diya: Ihr würdet immer eurem Sound treu bleiben, zu euren Wurzeln zurückkommen?

Nazim: Ja, das ist für mich, als wenn du leben musst ohne ein Körperteil. Es ist ganz krass. Es fehlt mir ganz arg, wenn das nicht ist, weil das hat man selbst mit den Jahren aufgebaut. Man drückt sich da aus, das Zeug ist ja autobiografisch. Jeder Song ist für mich schon ein Stück Seele.

Normalerweise probt hier im Hinterhof noch eine andere Band. TUZ. Beide Bands verbindet nicht nur der gemeinsame Proberaum oder die Bruderschaft zwischen dem Frontmann Limanjas, Nazim und dem Schlagzeuger von TUZ, Baris. Auch musikalisch haben sie ähnliche Wurzeln, doch sie leben diese in vollkommen verschiedener Art aus. Türkischer Gesang ist eine der wenigen Gemeinsamkeiten. Während Limanja orientalische, reggae-ähnliche Klänge mit Geigenmelodien verbindet, setzt TUZ auf den „rotzigen" Rock, der momentan gefragt ist in der Türkei.

„Wir wollen in die Fresse hauen"

Die Jungs von TUZ sind keine Schlägertypen. Sie leben die türkische Rockkultur aus, die sie seit ihrer Kindheit beeinflusst hat – diese ist laut und rockig. Baran (Sänger), Erdi (Gitarrist), Kubilay (Bassist) und Baris (Schlagzeuger) wollen ebenfalls ihren eigenen Weg gehen. Nur musikalisch schlagen sie eine andere Richtung ein als Limanja.

Musik muss man nicht verstehen, man muss sie leben.

Die Jungs beider Bands nehmen ihren Ursprung aus Deutschland mit ihren Wurzeln aus der Türkei und vermischen diese Einflüsse. Authentisch soll es sein. Und das ist es auch.

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Über den Autor

Tanja Weber

Crossmedia-Redaktion/PR
Eingeschrieben seit: Wintersemester 2014/2015