Alternative Textilfasern

Wie Milch und Unkraut in den Kleiderschrank kommen

20.01.2015

Hoher Wasserverbrauch, lange Transportwege und ein Haufen Chemikalien: Der Anbau von Baumwolle ist alles andere als nachhaltig. Die Modebranche ist nun auf der Suche nach Alternativen. Wir zeigen, wie eine Mikrobiologin dadurch ihrem krebskranken Stiefvater das Leben erleichtern konnte.

So sieht Mode aus Brennnesseln aus. (Fotos: Gesine Jost)

Vor drei Jahren erkrankte Anke Domaskes Stiefvater an Krebs. Nach seiner Chemotherapie war er sehr geschwächt und reagierte auf viele Dinge allergisch - selbst auf übliche Baumwollkleidung. Die Hannoveranerin schaute sich nach Alternativen um. Vorerst jedoch ohne Erfolg.

Ist handelsübliche Baumwollkleidung schädlich?

Wie auch Anke Domaske auf ihrer Suche feststellen musste, ist Baumwolle Massenware. Kein Material wird häufiger zur Kleidungsherstellung benutzt. Deswegen wird die Pflanze in großen Monokulturen angebaut. Während sich das positiv auf den Ertrag auswirkt, leidet vor allem die Pflanze darunter. Denn durch die Monokultur ist sie sehr anfällig für Krankheiten und Schädlinge. Dagegen helfen zwar Pestizide und Herbizide, diese sind aber zum Teil hochgradig gesundheitsgefährdend. Laut dem bayerischen Umweltministerium sind sie in den Anbauregionen in der Luft, in Flüssen, in Seen, im Trinkwasser und in den Nahrungsmitteln nachzuweisen. Damit die Kleidung schön aussieht und bequem ist, werden verschiedene giftige Zusatzstoffe und Weichmacher verwendet. Selbst nach der Waschung in der Fabrik können nach wie vor Chemikalien in den Kleidungsstücken vorhanden sein, die potenzielle Auslöser für allergische Reaktionen sind.

Die Herstellung von Baumwollkleidung – alles andere als umweltschonend?

Die Chemikalien, die für den Anbau und die Herstellung eingesetzt werden, schädigen auch die Umwelt.

Baumwoll-Monokulturen entziehen dem Boden einseitig Nährstoffe. Um das zu kompensieren, müssen die Bauern künstlichen Dünger einsetzen.

Ein weiteres Problem ist die Feuchtigkeit. Da die Knospen durch zu viel Niederschlag und Nässe verfaulen, wird die Pflanze in trockenen Regionen der Erde angebaut. An den Wurzeln benötigt die Baumwolle dennoch viel Wasser, weshalb der Bauer den Boden dauerhaft feucht halten muss. Um das zu gewährleisten werden die Felder kontrolliert bewässert oder geflutet. Dabei verdunsten laut dem World Wide Found for Nature (WWF) rund 41 Prozent des Wassers.

Trotz dieser Nachteile sinkt die Nachfrage an Baumwolltextilien nicht. Daher muss weiterhin eine große Menge produziert werden. In den armen Ländern gibt es deshalb eine so genannte "Feld-Konkurrenz”. Anstatt Nahrungsmitteln wird Baumwolle angebaut und das meistens unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in den Entwicklungsländern 550 Millionen Menschen aufgrund fehlender Schutzkleidung den Giften der Produktion ausgesetzt.

Biologin entwickelt Mode aus Milch

Aber zurück zu Anke Domaske. Nach langer erfolgloser Suche nach unbehandelten Textilien für ihren Stiefvater, sollte endlich eine Lösung für das Problem her. "Damals dachte ich, es muss doch möglich sein, eine Naturfaser herzustellen”, schildert sie ihre Beweggründe. Die studierte Mikrobiologin fing schließlich selbst an zu experimentieren. Tatsächlich gelang es ihr, einen verträglichen Stoff aus Milchfasern herzustellen.

Heute produziert Anke Domaske mit ihrem eigenen Unternehmen Fasern aus saurer Milch.

Dazu werden die weißen Flocken auf der Molke abgeschöpft und getrocknet. Übrig bleibt das Milcheiweiß, das mit Wasser vermischt und zu Fasern gepresst wird.

Kann Mode aus Nahrungsmitteln nachhaltig sein?

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob das nicht zur Verschwendung von Lebensmitteln führt. Laut Anke Domaske ist dies nicht der Fall. "Jährlich müssen 1,9 Millionen Tonnen Milch in Deutschland entsorgt werden”, begründet sie. Ein Großteil dieser Milch sei nicht für den Verzehr geeignet und dürfe nach gesetzlichen Regelungen nicht als Lebensmittel verwendet werden. Trotzdem kann sie ohne Weiteres für die Produktion von Milchfasern genutzt werden. "Somit verwerten wir einen Rohstoff, der unvermeidbar anfällt”, fasst die Hannoveranerin zusammen.

Milchfasern im Vergleich zu Baumwolle

Der wohl deutlichste Unterschied im Vergleich zur Baumwolle ist die benötigte Wassermenge.

Für die Herstellung von einem Kilogramm Baumwollfasern werden laut bayrischem Umweltministerium durchschnittlich 11.000 Liter Wasser verbraucht. Für ein Kilogramm Milchfasern benötigt man gerade einmal zwei Liter.

Die Milchfaser hat außerdem den Vorteil, dass sie regional produziert werden kann und gänzlich frei von Chemikalien ist. Der Stoff habe ein ähnliches Tragegefühl wie Seide, erklärt Anke Domaske. Deshalb müssen keine Weichmacher eingesetzt werden. Gefärbt wird mit Lebensmittelfarbe.

Eine weitere Eigenschaft sei die Atmungsaktivität, so die Mikrobiologin. Außerdem hat die Faser einen natürlichen UV-Schutz und ist pH-neutral. Mit all diesen Besonderheiten eignet sie sich besonders gut für Allergiker.

Alternativen zur Baumwolle im Trend

Anke Domaske ist von der Zukunftsfähigkeit ihrer Mode überzeugt: "Der Trend geht eindeutig dahin, dass Textilfasern positive Eigenschaften für den Träger haben, aber auch nachhaltig sind.”

Nachhaltig ist auch die Mode der Düsseldorfer Designerin Gesine Jost. Sie hat mit ihrer Kollektion aus Brennnesseln ebenfalls eine Alternative zur Baumwolle gefunden und lässt die Stoffe dafür bei Mattes & Ammann im Baden-Württembergischen Meßstetten herstellen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Telefoninterview mit Gesine Jost

Gesine Jost hat mit ihrer Kollektion aus Brennnesseln eine Alternative zur Baumwolle gefunden. Wir haben mit ihr gesprochen.

Doch was ist nun an der Brennnesselfaser nachhaltiger als an der Baumwollfaser?

"Sie ist in der Pflege und Herstellung sehr einfach”, erklärt Gesine Jost. Denn die Brennnessel wächst problemlos in den Mittleren Breiten und kann so standorttreu angepflanzt werden. Ähnlich wie bei der Milchfaser können so lange Transporte vermieden werden. Außerdem brauche die Pflanze keine Pestizide und nur wenig Wasser, so die Designerin.

Das aus den Fasern entstehende Garn ist von Natur aus weich und reißfest. Genau wie die Milchfaser ähnelt es der Seide.

Dennoch gibt es einige Einschränkungen. "Die Brennnessel ist ein bisschen komplizierter in der Garnherstellung als die Baumwolle”, gibt die Modedesignerin zu. Daher könne sie auch nicht wie Baumwolle als Massenprodukt hergestellt werden. Für die Fasergewinnung verwendet man in Meßstetten ein Silageverfahren zur Trennung von Pflanzenholz und Gewebe. Um daraus ein funktionsfähiges Garn herzustellen, benötigt man eine synthetische Komponente. Gleiches gilt auch für die Milchfaser.

Gesine Jost sieht ihre Idee gerade aufgrund dieser Nachteile nicht als endgültigen Ersatz für Baumwolle. Als Ergänzung sei die Brennnessel ihrer Meinung nach trotzdem sinnvoll.

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